Dammriss vorbeugen: Was Hebammen wirklich empfehlen

Fast jede dritte Frau erlebt einen Dammriss bei der Geburt – ein Thema, das viele werdende Mütter beschäftigt, wenn es um die Vorbereitung auf den großen Tag geht. Dammrisse Grad 1 und Grad 2 sind im Kreißsaal nichts Ungewöhnliches und treten am häufigsten auf. Allerdings kommen hochgradige Dammrisse wie Grad 3 und Grad 4 zum Glück sehr selten vor.

Wir wissen aus unserer Erfahrung, dass besonders Erstgebärende von diesem Thema verunsichert sind. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, seltener unter Dammrissen leiden, wenn sie den Damm in den Wochen vor der Geburt regelmäßig massieren. Die Wahrscheinlichkeit für einen Dammriss steigt außerdem, wenn der Kopf des Babys besonders groß ist oder die Austreibungsphase sehr schnell verläuft. Während 2010 noch bei fast jeder dritten Frau ein Dammschnitt durchgeführt wurde, ist diese Rate 2019 auf nur noch jede sechste Frau gesunken.

In diesem Artikel teilen wir bewährte Methoden zur Vorbeugung von Dammrissen und erklären, welche Maßnahmen Hebammen wirklich empfehlen. Von der regelmäßigen Dammmassage, die die Flexibilität des Gewebes erhöhen kann, bis hin zu verschiedenen Geburtspositionen – wir geben dir alle wichtigen Informationen an die Hand, damit du dich optimal auf deine Geburt vorbereiten kannst.

Was ist ein Dammriss und wie entsteht er?

Der Damm bezeichnet die Region zwischen Vulva und After – ein kleiner, aber wichtiger Bereich, der aus Haut und darunter liegender Muskulatur besteht. Diese Muskulatur gehört zum Beckenboden und spielt eine zentrale Rolle bei der Geburt.

Anatomie des Damms kurz erklärt

Der Damm besteht aus mehreren Gewebeschichten: der äußeren Haut, dem Unterhautgewebe und der Muskulatur. Diese Muskelschicht ist Teil des Beckenbodens, der wichtige Haltefunktionen erfüllt. Während der Geburt wird dieser Bereich stark gedehnt. Trotz seiner natürlichen Elastizität kann das Gewebe den enormen Kräften manchmal nicht standhalten.

Wie kommt es zu einem Dammriss bei der Geburt?

Ein Dammriss entsteht, wenn während der Geburt der Kopf oder die Schultern des Kindes durch den Geburtskanal treten und dabei das Dammgewebe so stark dehnen, dass es einreißt. Dies geschieht meistens an der schwächsten Stelle des Gewebes – oft in der Mittellinie zwischen Scheideneingang und After.

Je nach Tiefe der Verletzung unterscheidet man vier Schweregrade:

  • Dammriss I. Grades: Betrifft nur die Haut und das Unterhautgewebe, die Muskulatur bleibt intakt.

  • Dammriss II. Grades: Verletzung reicht bis in die Muskelschicht des Dammes.

  • Dammriss III. Grades: Der Afterschließmuskel ist teilweise oder vollständig eingerissen. Kommt bei etwa 1,3% aller Spontangeburten vor.

  • Dammriss IV. Grades: Zusätzlich ist die Schleimhaut des Enddarms verletzt. Tritt bei nur 0,1% der Spontangeburten auf.

Mehrere Faktoren können das Risiko für einen Dammriss erhöhen. Besonders gefährdet sind Erstgebärende sowie Situationen, in denen das Kind überdurchschnittlich groß ist (über 4000g), ungünstig liegt oder die Austreibungsphase sehr schnell verläuft. Zudem steigt das Risiko, wenn bei der Geburt mechanische Hilfsmittel wie Saugglocke oder Geburtszange zum Einsatz kommen.

Unterschied zwischen Dammriss und Dammschnitt

Im Gegensatz zum natürlich entstehenden Dammriss ist der Dammschnitt (Episiotomie) ein bewusst gesetzter chirurgischer Schnitt. Er wird von Hebamme oder Arzt während der Geburt durchgeführt, wenn ein unkontrollierbarer tieferer Riss droht oder das Kind schnell entbunden werden muss.

Früher war der Dammschnitt Routine bei fast jeder Erstgebärenden. Heutzutage wird er jedoch zurückhaltender eingesetzt, da Studien zeigen, dass ein kontrolliertes Reißen oft besser heilt als ein Schnitt. Tatsächlich kann ein Dammschnitt sogar das Risiko für höhergradige Dammrisse erhöhen.

Welche Faktoren erhöhen das Risiko für einen Dammriss?

Beim Blick auf die Risikofaktoren für einen Dammriss wird deutlich, dass verschiedene Einflüsse zusammenwirken. Tatsächlich erleiden etwa 85% aller Frauen während einer vaginalen Geburt irgendeine Form von Dammverletzung. Betrachten wir die wichtigsten Faktoren genauer:

Erstgebärende und Gewebeelastizität

Die erste Geburt stellt ein besonderes Risiko dar - 8 von 10 Erstgebärenden und jede zweite Zweitgebärende erleiden Geburtsverletzungen. Studien zeigen, dass Erstgebärende deutlich häufiger von Dammrissen betroffen sind als Frauen, die bereits geboren haben (59,6% vs. 39,1%). Neben der Anzahl der Geburten spielt auch die individuelle Beschaffenheit des Bindegewebes eine entscheidende Rolle. Während einige Frauen sehr elastisches Gewebe haben, ist es bei anderen fester und weniger dehnbar, was wiederum das Risiko für Beckenbodenschäden erhöht.

Geburtsgewicht und Kindslage

Ein weiterer zentraler Faktor ist das Gewicht des Babys. Kinder mit einem Geburtsgewicht über 4000g oder einem Kopfumfang von mehr als 35cm erhöhen das Risiko für Dammverletzungen erheblich. Studien belegen: Schwere Babys über 4kg sind ein unabhängiger Risikofaktor (11,0% vs. 6,3%) für Dammrisse. Zudem spielen ungünstige Kindslagen eine wichtige Rolle - besonders die hintere Hinterhauptslage oder eine Schulterdystokie können problematisch sein.

Geburtsdauer und Pressverhalten

Interessanterweise können sowohl eine zu schnelle als auch eine zu langsame Geburt das Dammrissrisiko erhöhen. Bei einer schnellen Geburt hat das Gewebe keine Zeit, sich ausreichend zu dehnen. Andererseits kann eine verlängerte Austreibungsperiode (>120 Minuten) ebenfalls das Risiko für perineale Verletzungen steigern. Der Geburtsmodus beeinflusst gleichfalls das Outcome: Durch zu starkes oder frühes Pressen kommt der Kopf schneller durch den Geburtskanal, wodurch das Verletzungsrisiko steigt.

Medizinische Hilfsmittel wie Saugglocke

Vaginal-operative Entbindungen zählen zu den größten Risikofaktoren. Bei einer Saugglockengeburt (Vakuumextraktion) steigt das Risiko für Schließmuskeldefekte am Anus auf bis zu 28%. Noch höher ist die Gefahr bei einer Zangengeburt - hier erhöht sich das Risiko für schwere Dammverletzungen um das Achtfache bis Elffache. Allerdings zeigen neuere Studien aus Schweden, dass ein gezielter Dammschnitt bei Saugglockengeburten das Risiko für schwere Schließmuskelschäden senken kann.

8 Hebammen-Tipps zur Vorbeugung eines Dammrisses

Obwohl es keine Garantie gibt, einen Dammriss komplett zu vermeiden, können werdende Mütter mit einigen bewährten Methoden das Risiko deutlich reduzieren. Hebammen empfehlen folgende Maßnahmen:

1. Dammmassage ab der 34. SSW

Die Dammmassage gehört zu den effektivsten Vorbereitungsmaßnahmen. Ab der 34. Schwangerschaftswoche durchgeführt, erhöht sie die Durchblutung und Elastizität des Gewebes. Studien zeigen, dass Erstgebärende mit regelmäßiger Dammmassage seltener unter Dammrissen leiden. Idealerweise sollte die Massage drei- bis viermal wöchentlich für etwa 5-10 Minuten erfolgen.

2. Beckenbodentraining zur Gewebestärkung

Durch gezieltes Beckenbodentraining wird die Muskulatur gestärkt und besser durchblutet, was die Dehnbarkeit fördert. Besonders wichtig: Der Beckenboden muss nicht nur angespannt, sondern auch bewusst entspannt werden können – eine Fähigkeit, die während der Geburt entscheidend ist.

3. Entspannungstechniken wie Atmung und Yoga

Eine entspannte Gebärende erleidet nachweislich weniger Geburtsverletzungen als eine angespannte. Verkrampft sich die Frau, wird der Geburtskanal enger. Techniken wie tiefe Bauchatmung, progressive Muskelentspannung und Meditation helfen, Anspannung zu reduzieren.

4. Geburtspositionen, die den Damm entlasten

Die klassische Rückenlage ist für den Damm am ungünstigsten, da hier der meiste Druck auf ihm lastet. Aufrechte Positionen wie Hocken, Knien oder der Vierfüßlerstand sowie die Seitenlage reduzieren die Belastung und verringern das Dammrissrisiko erheblich.

5. Langsames Geburtsmanagement

Das richtige Geburtstempo beim Durchtreten des Kopfes gilt als entscheidender Faktor. Zu schnelles Pressen erhöht das Verletzungsrisiko. Manchmal kann die werdende Mutter – angeleitet von der Hebamme – die Wehen "verhecheln" oder ausatmen, um den Kopf langsamer durch den Geburtskanal zu leiten.

6. Warme Kompressen in der Austreibungsphase

Warme Kompressen auf dem Damm während der Austreibungsphase fördern die Durchblutung, machen das Gewebe geschmeidiger und können das Risiko für Dammrisse dritten oder vierten Grades senken.

7. Kommunikation mit Hebamme und Geburtsplan

Eine offene Kommunikation mit der betreuenden Hebamme ist unverzichtbar. Im Geburtsplan können Wünsche bezüglich Geburtsposition, Tempo und Unterstützungsmaßnahmen festgehalten werden, um die individuellen Bedürfnisse zu berücksichtigen.

8. Ballon-Dehnung als Alternative zur Massage

Der Epi-No-Trainer, ein aufblasbarer Ballon für die Scheide, soll das Gewebe auf die Dehnung vorbereiten. Die Ergebnisse zur Wirksamkeit sind allerdings gemischt – einige Studien zeigen keine Verringerung von Dammverletzungen. Daher sollte der Einsatz mit Arzt oder Hebamme abgesprochen werden.

Was tun, wenn es doch zu einem Dammriss kommt?

Trotz aller Vorbeugemaßnahmen kann ein Dammriss nicht immer verhindert werden. Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad der Verletzung.

Behandlung je nach Dammriss-Grad (1–4)

Dammrisse ersten Grades betreffen nur die Haut und heilen oft ohne Naht. Bei Grad 2 ist zusätzlich die Muskulatur betroffen und wird unter lokaler Betäubung genäht. Dammrisse dritten Grades, bei denen der Schließmuskel verletzt ist, erfordern eine schichtweise Naht mit besonderer Sorgfalt. Bei einem Dammriss vierten Grades ist zusätzlich die Darmschleimhaut betroffen – diese schwerste Form wird manchmal unter Vollnarkose operativ versorgt. Die Fäden lösen sich nach etwa drei Wochen von selbst auf.

Heilungsdauer und Nachsorge

Die Heilung dauert je nach Schweregrad zwischen wenigen Tagen und mehreren Wochen. Vollständig verheilt ist eine Dammnaht nach etwa vier Wochen. Bei Dammrissen dritten und vierten Grades kann es allerdings bei etwa einem Drittel der betroffenen Frauen zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Stuhlinkontinenz kommen.

Tipps zur Schmerzlinderung und Hygiene

Folgende Maßnahmen können Beschwerden lindern:

  • Kühlung mit Gel-Pads oder im Kühlschrank gelagerten Binden

  • Warmes Wasser über die Wunde laufen lassen beim Wasserlassen

  • Regelmäßige Sitzbäder mit Eichenrinde, Kamille oder Schwarztee

  • Ballaststoffreiche Ernährung und ausreichend Flüssigkeit gegen Verstopfung

  • Sitzringe zur besseren Druckverteilung

Bei anhaltenden Beschwerden sollte unbedingt die Hebamme oder Ärztin konsultiert werden.

Fazit: Was wirklich hilft – und was nicht

Obwohl ein Dammriss bei der Geburt nicht immer vermeidbar ist, können wir durch gezielte Vorbereitung das Risiko deutlich senken. Die regelmäßige Dammmassage ab der 34. Schwangerschaftswoche stellt tatsächlich eine der wirksamsten Methoden dar, besonders für Erstgebärende. Ebenso wichtig erweist sich die richtige Geburtsposition – aufrechtes Gebären oder die Seitenlage entlasten den Damm nachweislich besser als die klassische Rückenlage.

Unser Körper verfügt grundsätzlich über eine natürliche Elastizität, die wir durch Beckenbodentraining und Entspannungstechniken zusätzlich unterstützen können. Allerdings sollten wir realistisch bleiben – Faktoren wie Geburtsgewicht des Kindes oder der Geburtsverlauf lassen sich nur begrenzt beeinflussen.

Falls es trotz aller Vorbereitungen zu einem Dammriss kommt, besteht kein Grund zur Panik. Die meisten Risse heilen problemlos innerhalb weniger Wochen. Schwerwiegendere Verletzungen erfordern zwar eine intensivere Behandlung, gehören jedoch zum Glück zu den Ausnahmen.

Der offene Austausch mit der Hebamme hilft enorm – sowohl bei der Vorbereitung als auch während der Geburt selbst. Letztendlich zählt vor allem eines: Eine sichere Geburt für Mutter und Kind steht immer an erster Stelle, während wir gleichzeitig alles dafür tun, den Damm bestmöglich zu schützen.

FAQs

Wie kann ich das Risiko eines Dammrisses während der Geburt reduzieren? Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Risiko zu verringern: Regelmäßige Dammmassage ab der 34. Schwangerschaftswoche, Beckenbodentraining, Entspannungstechniken wie Yoga und tiefe Atmung, sowie die Wahl von dammschonenden Geburtspositionen wie Hocken oder Seitenlage.

Welche Geburtspositionen sind am besten, um einen Dammriss zu vermeiden? Aufrechte Positionen wie Hocken, Knien oder der Vierfüßlerstand sowie die Seitenlage reduzieren die Belastung auf den Damm und verringern das Dammrissrisiko erheblich. Die klassische Rückenlage gilt als am ungünstigsten für den Damm.

Wie häufig kommen Dammrisse bei der Geburt vor? Dammrisse sind bei der Geburt sehr häufig. Etwa 85% aller Frauen erleiden während einer vaginalen Geburt irgendeine Form von Dammverletzung. Bei Erstgebärenden ist das Risiko besonders hoch - bis zu 8 von 10 sind betroffen.

Was empfehlen Hebammen zur Durchführung der Dammmassage? Hebammen empfehlen, die Dammmassage ab der 34. Schwangerschaftswoche durchzuführen. Sie sollte idealerweise drei- bis viermal wöchentlich für etwa 5-10 Minuten erfolgen. Die Massage fördert die Durchblutung und Elastizität des Gewebes und kann das Risiko für Dammrisse reduzieren.

Wie lange dauert die Heilung nach einem Dammriss? Die Heilungsdauer hängt vom Schweregrad des Dammrisses ab. Sie kann von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen variieren. In der Regel ist eine Dammnaht nach etwa vier Wochen vollständig verheilt. Bei schwereren Rissen kann die vollständige Genesung länger dauern.